Zur bisherigen Erforschung der Geschichte
der mittelalterlichen Hospitäler

  1. Vorbemerkungen: Das Hospital im Mittelalter ...
  2. Einleitung
  3. Darstellungen des mittelalterlichen Hospitalwesens aus der Perspektive der "Geschichte der Krankenpflege als Beruf"
  4. Darstellungen des Hospitalwesens im Mittelalter aus der Perspektive der Geschichte der Medizin
  5. Darstellungen ds Hospitalwesens im Mittelalter aus kirchengeschichtlichen Perspektiven
  6. Kurze Übersicht über die rechtsgeschichtlichen Forschungen über das Hospitalwesen im Mittelalter
  7. Zu den städtegeschichtlichen Forschungen über das Hospitalwesen im Mittelalter
  8. Zu den Darstellungen des mittelalterlichen Hospitalwesens in Geschichten der Sozialen Fürsorge und Geschichten der Armut

Darstellungen des mittelalterlichen Hospitalwesens aus der Perspektive der "Geschichte der Krankenpflege als Beruf"

Entwicklung | Erträge | Zusammenfassung und Weiterführung

  1. Entwicklung der Darstellungen der Krankenpflegegeschichte

    Der jüngste der verschiedenen mit der Geschichte des Hospitalwesens beschäftigten Forschungszweige ist derjenige der Geschichte der Krankenpflege.

    Ich will hier zunächst nur die Literatur heranziehen, die die Krankenpflege als eine spezielle Berufstätigkeit historisch behandelt. Mit "Geschichte der Krankenpflege", in weiterem Sinn verstanden, sind daneben auch einige ältere Arbeiten betitelt, die ihrem Inhalt nach ganz in die nachher (Punkt 1.3) zu erörternde medizinhistorische Forschungstradition hineingehören.[1]

    In dem engeren Sinn, als Berufsgeschichte verstanden, wurde eine Geschichte der Krankenpflege nicht geschrieben, bevor diese selbst an eine Epochengrenze gelangte:[2] seit etwa 1900 erhoben verschiedene Länder die Abschlußprüfungen von Krankenpflegeschulen zu Staatsexamina[3] -1907-1912 erschien das Pionierwerk der Geschichte der Krankenpflege, von Lavinia L. DOCK und Mary Adelaide NUTTING[4] 1910-1913 bereits dessen Übersetzung ins Deutsche. Diese staatliche Anerkennung der Berufsausbildung war das Resultat organisierter Bestrebungen von selten der "Pflegerinnen", die dabei ein fest umrissenes Berufsselbstbewußtsein, sich von ihren Vorgängerinnen, den "Wärterinnen"[5], scharf abhebend, ausgebildet hatten. "Beruf" gebrauchten sie dabei im emphatischen Sinne und verachteten ihre Vorgängerinnen gerade deswegen, weil diese Krankenpflege "nur" als Brotarbeit betrieben hätten.[6] Andererseits waren es gerade die "Freien Schwestern, also die, die ihren Beruf unmittelbar in der Krankenpflegetätigkeit sahen, von denen die ersten "Geschichte(n) der Krankenpflege" geschrieben worden sind, und nicht diejenigen, welche zuvor in einen religiösen Orden, ein Diakonissen- oder Rotkreuzmutterhaus eingetreten sein mußten, um dann Krankenpflegerinnen werden zu können. Die "Berufsorganisation", die diese "Freien Schwestern" in Deutschland 1903 gegründet hatten,[7] hatte Agnes KARLL (1868-1927) zu ihrer ersten Vorsitzenden - die Übersetzerin der ersten "Geschichte der Krankenpflege" ins Deutsche; und die Verfasserinnen dieses Werks waren Präsidentin bzw. Sekretärin in der entsprechenden Organisation in den Vereinigten Staaten, dem "Amerikanischen Pflegerinnenbund"4:

    M Adelaide NUTTING, Lavinia L. DOCK
    A History of Nursing. The Evolution of Nursing Systems from the Earliest Times to the Foundation of the First English and American Training Schools for Nurses (geänderter Titel bei Bd. 3.4), Bd. 1-4,
    New York, London: Putnam's, 1907-1912

    Dieselben; Agnes KARLL (Übers.)
    Geschichte der Krankenpflege. Die Entwickelung der Krankenpflege von Urzeiten bis zur Gründung der ersten englischen und amerikanischen Pflegerinnenschulen, Bd. 1-3,
    Berlin: Reimer, 1910-1913

    Die deutsche Übersetzung ist um einige zusätzliche Anmerkungen von Agnes Karll vermehrt, z.B. Bd. 1, S. 287f. Nach der Titelseite steht in der deutschen Fassung des Werkes die Widmung: "Allen Mitgliedern des Pflegeberufs". Die Übereinstimmung des Personenkreises, der die historischen Forschungen betreibt, mit dem, der sie lesen soll, wie sie in dieser Widmung besonders augenfällig wird, kennzeichnet auch andere, später noch vorzustellende Forschungstraditionen auf dem Gebiet Hospitalgeschichte, nicht zum wenigsten die medizinhistorische Tradition.[8]

    Trotzdem ist die Unmittelbarkeit, mit der Nutting und Dock die Geschichte anhand der Gegenwartsfragen ihres Berufs abhandeln, noch einmal von ganz eigenem Grade. Und ebensowenig konnte die Ausführlichkeit, geradezu Monumentalität dieses Pionierwerks der krankenpflegegeschichtlichen Darstellungen später je wieder erreicht werden.[9]

    Knapp eine Generation nachdem der letzte Band aus der Feder von NUTTING und DOCK erschienen war, war die Entwicklung in den Berufsverhältnissen und -Organisationen für Krankenpflegerinnen (denn um einen ausgesprochenen Frauenberuf handelte es sich) wiederum so weit verändert, daß vom Bedürfnis nach einer neuen "Geschichte der Krankenpflege" gesprochen werden konnte.[10] Die Verfasserin, die nun diesem Bedürfnis nachkommen wollte, Lucy Ridgeley SEYMER, examinierte Krankenpflegerin mit dem Titel eines "M.A.(Oxon.)" in Geschichte und Archäologie, ließ es allerdings nicht mit einer Darstellung dieser neuesten Entwicklung genug sein, auch wenn sie dafür ungefähr die Hälfte ihres Buches verwendete, sondern sie faßte zugleich die antike, mittelalterliche und frühneuzeitliche Geschichte der Krankenpflege ganz neu:

    Lucy Ridgeley SEYMER M.A.(Oxon.), S.R.N.
    A General History of Nursing
    London: Faber & Faber, 1932. 1949(2). 1954(3) (307 S.; (2:)332 S.)

    Dass.. Revised for American edition by Niny D. Gage
    New York: Macmillan, 1933. 1936(2). 1942(3)

    Dies.; W. ALTER, Maria SCHILLER (Übers.)
    Geschichte der Krankenpflege
    Stuttgart: Kohlhammer, 1937

    Nachdem Nutting und Dock den Stoff einfach als ein Monument zur Stärkung ihres beruflichen Selbstbewußtseins aufgestellt hatten, geht bereits aus dem Vorwort, einer österreichischen Oberin zur deutschen Fassung von Seymers "Geschichte der Krankenpflege" hervor, daß man diesen Stoff nun als einen wichtigen Teil des Unterrichts für die Krankenpflege-Schülerinnen auffaßte[11] Seither sind "Geschichte(n) der Krankenpflege" nicht mehr, wie von NUTTING und Dock als Arsenal für Vorkämpferinnen eines noch umstrittenen Frauenberufs verfaßt worden, sondern als Lehrbücher für Schülerinnen, denen man durch ges[12]chichtliche Belehrung Begeisterung und rechte Einstellung für ihren zukünftigen Beruf beizubringen hoffte. Mit dem dafür erforderlichen handlicheren Format gingen selbstverständlich die Möglichkeiten, Einzelheiten näher zu untersuchen, verloren. Trotzdem blieb die Krankenpflege-Geschichtsschreibung in Bewegung: durch Änderung der Zielsetzungen, der Konzeptionen, In den Vereinigten Staaten scheint sie sich freilich zum wenigsten umorientiert zu haben - wenn man es als kennzeichnend nehmen darf, daß noch bis 1966 ein ganz im heroischen Stil von Nutting-Dock geschriebenes "textbook" wieder und wieder neu aufgelegt wurde. Grob gesehen, sind da nur die extensiven Quellenzitate des großen Vorbilds weggekürzt worden; vielleicht ist das auch ein Anzeichen von Etablierung: man findet es überflüssig, sich ständig ausführlich abzusichern; selbstverständlich ist es vor allem eine Folge des Lehrbuchcharakters. Und zum anderen wurden gegenüber dem großen Vorbild eine Menge pädagogisch wohlgemeinter Simplifizierungen durchgeführt, beispielsweise Kurven, die das "Auf" und "Ab" der "guten Krankenpflege" für die verschiedenen Epochen der Weltgeschichte unumwunden abzubilden beanspruchen.[13] Zuverlässigkeit und Informationswert sinken mit diesem Buch auf ihren Tiefstand innerhalb der Krankenpflege-Geschichts-Darstellungen:

    Elizabeth M. JAMIESON, R.N.B.A.; Mary F[ranklin] SEWALL, R.N.ß.S.; Eleanor B[rady] SUHRIE, R. N.,B.S.,M.Litt.
    Trends in Nursing History. Their social, international and ethical relationships
    Philadelphia,London: Saunders, 1940. 1944(2). 1949(3).1954(4). 1959(5). 1966(6).

    In der Bundesrepublik Deutschland ist durch das Krankenpflegegesetz von 1957 das Fach Berufskunde, dem die Berufsgeschichte gewöhnlich zugerechnet wird, Prüfungsfach geworden,[14] weshalb auch die Lehrbücher für Krankenpflegeschüler(innen) öfters ein Kapitel über "Geschichte der Krankenpflege" enthalten. Es ist aber klar, daß solche knappen Exkurse, ungeachtet ihres Gewichts als Vermittler der historischen Erkenntnisse, zu knapp sind, um einen bestimmten Platz in einer Forschungsgeschichte erhalten zu können.[15] Daneben wurden jedoch auch selbständige Lehrbücher in Geschichte der Krankenpflege herausgegeben.

    Deren erstes hat ein Lehr-Oberpfleqer verfaßt. Es begnügt sich freilich damit, zufällige Notizen, nach Jahrhunderten sortiert, zu referieren, ohne sie zu gewich-ten oder Theorien über Ursachen und Wirkungen im großen aufzustellen.[16] Darin geht er einen anderen Weg als alle übrigen "Geschichte(n) der Krankenpflege", die gerade der roten Faden "von Urzeiten bis" jetzt am meisten beschäftigt. Die Fülle der Detailnotizen ist in diesem Buch enorm. Es bemüht sich vor allem, jeder der Ordens- u.a. Gemeinschaften in der neueren Krankenpflege-Geschichte durch gleiche Ausführlichkeit gerecht zu werden.[17]

    Franz BAUER
    Geschichte der Krankenpflege. Handbuch der Entstehung und Entwicklung der Krankenpflege von der Frühzeit bis zur Gegenwart
    (Schriftenreihe zur Theorie und Praxis der Krankenpflege. Hg.v. Deutschen Zentralblatt für Krankenpflege, l)
    Kulmbach 1965

    Mit dem anderen der beiden neueren deutschen Lehrbücher in Krankenpflege-Geschichte tritt zum ersten Mal ein Professor der Medizingeschichte an die Stelle der Freien Schwestern bzw. Pfleger als Verfasser von "Geschichte(n) der Krankenpflege". An die Stelle des bisherigen erklärten Ziels, durch Geschichtsbetrachtung ein eigenständiges Berufs-Selbstbewußtsein zu erzeugen, tritt nun dasjenige, die heute vorkommenden Spannungen zwischen den beiden Gruppen von Krankenhauspersonal, Medizinern und Pfleger(inne)n, durch Aufhellung der entsprechenden Zusammenhänge in früheren Epochen zu entschärfen.[18] Im übrigen bleibt die Fachgeschichte auch mit dieser Zwecksetzung "Propädeutik". Berufseinführung für die Schüler.[19]

    Eduard SEIDLER
    Geschichte der Pflege des kranken Menschen
    Stuttgart: Kohlhammer, 1966.Zweite, durchgesehene Aufl. ebda. 1970

    [1]Siehe unten (HAESER, Heinrich, Geschichte christlicher Kranken-Pflege und Pflegerschaften, Berlin 1857), S. 28 (KÜSTER, Ernst, Die Krankenpflege in Vergangenheit und Gegenwart, Marburg 1895), S. 33 (BLOCK, Iwan, Die geschichtliche Entwickelung der Wissenschaftlichen Krankenpflege, Berlin 1895), S.31 (DIETRICH, Eduard, Geschichtliche Entwicklung der Krankenpflege, 1899), S. 25 (SCHÖN, Theodor, Die Entwicklung des Krankenhauswesens und der Krankenpflege in Württemberg, 1901-1902), S. 46 (BAAS, Karl, Zur Geschichte der Krankenpflege und des Krankenhauswesens vom Ausgang der Antike bis zum Aufkommen der Städtefreiheit in Deutschland, 1922) - In den meisten dieser Fälle steht "Krankenpflege" für "Krankenpflege-Institutionen" oder "Krankenhauswesen", vgl. unten S. 33 über die Unterscheidung dieser Begriffe.

    [2] Zwar hat auch schon Florence NIGHTINGALE (1820-1910), die 1860, nach ihrem Einsatz im Krimkrieg, die erste unabhängige Krankenpflegeschule gründete (vgl. NUTTING-DOCK-KARLL 2, S. .109-219) Studien über die Geschichte der Krankenpflege getrieben (ebda. S. 121), als sie 1835-1855 allerlei Hospitäler in England, Schottland, Irland, Frankreich, Belgien und Deutschland aufsuchte, UM sich, auf eigene Faust, für den verspürten "Beruf" auszubilden, doch äußert sie sich in ihren sehr wirksam gewordenen Schriften (z.B. "Notes on Hospitals'", London 1863, dt.Übers.u.d.T.: "Bemerkungen über Hospi täier. Nach dem Englischen bearb. und mit 'Zusätzen versehen in beson-derer Rücksicht auf Feld- und Nothhospitäler von R..Senftleben, Memel 1866"; "Notes on Nursing for the Labouring Classes", London 1861, dt. Übers.u.d.T.: "Pflege bei Kranken und Gesunden. Kurze Winke, den Frauen aller Stände gewidmet .». nach der 2. Auflage...". Lpz.: Brockhaus, 1861) ausschließlich über praktische Konsequenzen für die Zukunft, nicht über Ergebnisse ihrer geschichtlichen Studien direkt.

    [3] Die einzelnen Bundesstaaten der USA seit 1903 (NUTTING-DOCK-KARLL 3, S. 172-230); im Deutschen Reich in Kraft getreten am 1.6.1907 (ebda. S. 449); für die entsprechenden Daten zu weiteren Ländern vgl. die Übersicht bei SEYMER-ALTER-SCHILLER S. 283f. 320f.

    [4] Zu den Biographien der Verf. finde ich nur bei JAMIESON (lt. Reg,) einige Daten, nichts dagegen im "Dictionary of American Biography" etc.

    [5] Die beiden Begriffe werden in der einschlägigen Literatur streng unterschieden (vgl. NUTTIMG-DOCK-KARLL pass.). mit einer zeitlichen Grenze zwischen ihren Anwendungsbereichen um 1830 (vgl. STICKER, Anna, Die Entstehung der neuzeitlichen Krankenpflege, Stgt. 1960, S. 372); ex negativo zeigt den Zusammenhang von "Pflegerin" mit dem neuen "Berufs"-Bewu8tsein die Tatsache, daß Männer (die noch lange kein ähnliches Berufsbewußtsein als Krankenpfleger entwickeln konnten) bis in die jüngste Vergangenheit gewöhnlich "Wärter" genannt worden sind (vgl. BAUER S. 9; OSTNER, Ilona und KRUTWA-SCHOTT, Almut, Notizen zum Beitrag von Diakonie- und bürgerlicher Frauenbewegung zur Entstehung des Krankenpflege-Berufes, in: Dies., Krankenpflege - ein Frauenberuf, Pfm..New York 1981. S. 132-160).

    [6] Die sparsamen sachlichen Auskünfte, die die ihren eigenen Portschritt verherrlichenden frühen Geschichtsschreiberinnen der Krankenpflege (wozu bereits kritisch SCHAPER, Hans-Peter, Aspekte der Kritik traditioneller Krankenpflege-Geschichtsschreibung, in: Historia Hospitalium 14, 1981-1982, S. 321-335; OSTNER - KUTWA-SCHOTT, wie Anm. 5, S. 5-63) über die "Wärterinnen", ihre Antagonistinnen, geben, lassen eine nähere und sachliche Erforschung der offenbar ausnehmend miserablen Lebensverhältnisse dieser vormodernen Berufsgruppe als wichtige Aufgabe der Gesellschaftsgeschichte erscheinen, die offenbar noch nirgends" angegangen worden ist.Eine von NUTTING-DOCK-KARLL als "oberflächlich" bezeichnete englische Dame um 1855 zeigte Verständnis: "... die armen Menschen, es muß so langweilig sein, die ganze Nacht aufzubleiben, und wenn sie dann ein bißchen trinken, schickt man sie fort und nimmt andere" (zit.n.Dens. 2, S. 188) - für die "Reformer der Krankenpflege" ist es ständig charakteristisch, daß sie moralische Erklärungen der Übelstände ökonomischen vorziehen: "... Jeder Alte, Versoffene, Triefäugige, Blinde, Taube, Lahme, Krumme, Abgelebte, Jeder der zu nichts in der Welt mehr taugt, ist dennoch nach der Meinung der Leute zum Wärter gut genug. Menschen, die ein unehrliches Gewerbe getrieben haben. Faullenzer, Taugenichse, ... So ist denn dieser schöne, edle Beruf in Verruf gekommen! Man suche Krankenwärter und welcher Auswurf der Menschheit sammelt sich da! und wie wenig ehrbare, brave, tüchtige Menschen sind darunter!" schreibt der Dirigierende Arzt der chirurgischen Abteilung der Charite, J.F. DIEFFENBACH, in seiner "Anleitung zur Krankenwartung", Berlin 1832, S.6, und er hat folgende Ansicht von den als Patienten ins Hospital kommenden "Armen, Schmutzigen, Unglücklichen ... bettelnden Taugenichtssen und Vagabunden": "Der Mensch, der so gesunken ist, ist es immer durch seine Schuld, und doch muß auch das menschliche Herz sich seiner erbarmen" (ebda. S. 49-61).

    [7] GOERKE S. 61.

    [8] Vergleiche unten S. 50 mit S. 31 f.

    [9] "unübertrefflich" (SEYMER-ALTER-SCHILLER, Vorwort, S. V.); "Standard text on the history of nursing" (JAMIESON-SEWALL-SUHRIE S.230); "nach Tendenz und Forschungsstand in vielen Teilen veraltet, aber immer noch unentbehrlich" (SEIDLER, Geschichte der Pflege, S. 168, Nr. 37 - mit "Tendenz veraltet" meint er NUTTINGS und DOCKS Glorifizierung des Pflegepersonals zum Nachteil der Ärzte).

    [10] SEYMER(-ALTER-SCHILLER), Vorwort (dat. 1934), S. V.

    [11] "Denn nichts begeistert junge Menschen mehr und erweckt in ihnen so sehr den Wunsch nach ähnlichen Leistungen, als das Beispiel jener Großen, die unter unsäglichen Mühen und Opfern den Weg gebahnt haben, auf welchem die jetzige Generation so selbstsicher schreitet. Das Studium der Entwicklung der Krankenpflege durch Jahrtausende, von ihren ersten tastenden Anfängen bis zum großartigen Aufschwung der letzten Zeiten, ist das sicherste Mittel, Liebe für den Beruf und soziales Empfinden in jungen Menschenherzen wachzurufen." (Do-minika Pietzker, Oberin des Rudolfinerhauses, Wien, Vorwort, in: SEYMER-ALTER-SCHILLER S. XI).

    [12] Vgl. Anmerkungen 9.17; BAUER stellt sich eine etwas mehr forschungsgerichtete Aufgabe: er sammelt Daten, besonders über die sonst vernachlässigte Geschichte der männlichen Krankenpflege, um zu einer künftigen "Allgemeinen Geschichte der Krankenpflege" Vorarbeit beizutragen (BAUER S. 9).

    [13] JAMIESON-SEWALL-SUHRIE S. 71 (für das Altertum). 123 (Mittelalter), 243 (Neuzeit); demselben Zweck dienen noch Wiederholungsfragen am Schluß jedes Abschnitts und ein beigefügtes "Teacher's Manual" mit Vorschlägen für Repetitionsübungen.

    [14] Prüfungsordnung zum "Gesetz über die Ausübung des Berufs der Krankenschwester, des Krankenpflegers und der Kinderkrankenschwester" (BGBl I, Nr. 31 v. 18.7.1957); vgl. BAUER S. 9.

    [15] Zufällig zugänglich ist mir: HAAF, Lilienne; ENGELMANN, Edita; HEYN, Maria, Krankenpflegehilfe. Ein kurzgefaßtes Lehrbuch für Krankenpflegehelferinnen und -helfer, Stuttgart: Thieme, 19732 -wobei es sich allerdings nicht um ein Lehrbuch für die volle dreijährige, sondern für die einjährige Ausbildung handelt - mit einem Kapitel "Kurze geschichtliche Einführung", S. 421-427.

    [16] Vgl. Anmerkung 11.

    [17] Andererseits beklagt gerade BAUER selbst, offenbar bezugnehmend auf mir unzugängliche, ad hoc in kleiner Auflage vervielfältigte Unterrichtsmaterialien, es sei das Manko der Krankenpflege-Geschichtsschreibung, daß jeder hauptsächlich nur über die Gruppe bzw. den Orden schreibe, dem er selbst angehört (S.9).

    [18] SEIDLER, Geschichte der Pflege, S. 11.

    [19] SEIDLER, Geschichte der Pflege, S. 12, vgl. S. 11: "... ergibt sich für die Geschichte ... zweitens die Möglichkeit, sie die Krankenschwester von der Sache her zu begeistern, sie an ihrer ureigensten Tätigkeit zu fassen und damit ihr Berufsbild auch von dieser Seite her zu untermauern und zu beleben."

  2. Erträge für die Geschichte des Hospitalwesens im Mittelalter

    1. Das Mittelalter als Epoche der Krankenpflege-Geschichte

      Bei ihrer starken Zweckgerichtetheit sind die Darstellungen der Krankenpflege, ohne daß es überrascht, grob gesehen[20] Geschichten eines Fortschritts "von Urzeiten bis" auf den jeweils gegenwärtigen Standpunkt. Der Fortschritt wird, je nach Hauptinteresse, auf dem Gebiet der beruflichen Selbständigkeit der Frauen oder auf dem der Heilkunde, als dem Zusammenwirken von Medizin und Krankenpflege, gesehen.

      Von einer so gegenwartsbezogenen Geschichtsbetrachtung kann auf den ersten Blick wenig Interesse an der mittelalterlichen Epoche erwartet werden - wenn sich nicht, vielleicht als Fernwirkung des romantisch-katholisierenden Mittelalterbildes der Zeit, in der die Diakonissengemeinschaften entstanden,[21] eine Periodisierungsgepflogenheit verfestigt hätte, wonach die Frühe Neuzeit vom 16. bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts als "die Dunkle Periode der Krankenpflege" heißt. Die mittelalterliche Epoche, in der Krankenpflege-Geschichte gewöhnlich von den Anfängen des Christentums bis zur Aufhebung vieler Klöster in der Reformationszeit gerechnet, hebt sich von der dunklen Neuzeit vorteilhaft ab. Ebenso übrigens von der Antike, weil sie die für die (jetzige) Krankenpflege verpflichtenden ethischen Maximen noch nicht gehabt habe.[22]

      Mit einem recht starken, von dem Mediziner und"Krankenpflege-Historiker °. Jacobsohn[23] entlehnten Bild kennzeichnen Nutting und Dock das Mittelalter in der Geschichte der Krankenkpflege als die Zeit "der luftigen Hallen, der kühlen Quellen und Springbrunnen und der lieblichen grünen Gärten..." - dagegen die Frühe Neuzeit als Periode der "engen, dunklen Räume der städtischen und staatlichen Anstalten.[24] Anstalten, die zudem die Pfleger und Pflegerinnen, auch zum Schaden der auf sie angewiesenen Kranken, auf jede Weise deklassiert und ausgebeutet hätten.[25]

      Mehr in Übereinstimmung mit den Gliederungsprinzipien denen die Geschichtsschreibung der Krankenpflege bisher de facto gefolgt ist, wird eine Charakterisierung der mittelalterlichen Epoche als Blütezeit der Orden sein.[26 ]

      [20] Am wenigsten folgt dem Fortschritts-Modell SEIDLER, der es als pädagogisch ungeeignet, für Schüler(innen) wenig überzeugend betrachtet, und zwar, notabene, zumal es meist mit einer Geringachtung des Historischen zum bloßen "Ornament zum sachlichen Unterricht" verbunden werde (Geschichte der Pflege, S. 10-11); vgl. noch Anm. 26a.

      [21] Die erste Diakonissengemeinschaft gründete 1836 der evangelische Pfarrer Theodor FLIEDNER (vgl. auch unten S. ) in Kaiserswerth bei Düsseldorf; für seine "Hausordnung" benutzte er die "Verhaltensregeln", in Clemens Droste von Vischerings "Über die Genossenschaften der Barmherzigen Schwestern, insbesondere über die Einrichtung einer derselben und deren Leistungen zu Münster" (1833), die katholischen Barmherzigen Schwestern, in der Frühen Neuzeit als Erneuerung der mittelalterlichen Hospitalorden emporgekommen, waren sicher nicht ganz ohne Vorbildfunktion bei der Gründung FLIEDNERs (vgl. BAUER S. 201f.); andererseits empfing Florence NIGHTINGALE, auf die sich die Freien Schwestern vorzugsweise zurückführen, Impulse sowohl in Kaiserswerth (vgl. NUTTING-DOCK über die Diakonissenbewegung als Vorläuferin der "modernen Krankenpflege", Bd. 2) als auch direkt von Barmherzigen Schwestern, mit denen sie bei ihrem berühmten Krimkrieg-Einsatz zusammengearbeitet hatte.

      [22] Tl. l: "Vorchristliche Zeit", Tl. 2, Kap. 1-13: Mittelalter, und Tl 2, Kap. 14: "Dunkle Periode" machen bei NUTTING-DOCK einen ersten Band aus, worauf im zweiten die Entwicklung zur modernen Krankenpflege hin mit "Kaiserswerth und die Diakonissenbewegung" eingeleitet wird. - SEYMER behält "Anfänge des Christentums" und "Reformation" als Periodengrenzen bei, hebt jedoch die Kontinuität vom Mittelalter zu den "Barmherzigen Schwestern" des 16.-17. Jahrhunderts so stark hervor, daß der Verfall erst im 18. Jahrhundert einsetzen kann. -JAMIESON-SEWALL-SUHRIE geben ein Schreckbild der "protestantischen Revolte", durch welche "revolutionist Martin Luther ... leader of a Separatist group called Protestants" die Klöster teils zerstört,teils ihnen den Nachwuchs abspenstig gemacht und,wegen der Gleichsetzung von Ordenskrankenpflege mit guter Krankenpflege, auch die letztere ruiniert habe (S. 133. 147-149 u.ö.).

      [23] JACOBSOHN (wie unten S. 35) S. 142. 144.

      [24] NUTTING-DOCK-KARLL l, S. 266, offenbar ein Anklang an das Zitat nach SCHMIDT, Maximilian, Allgemeine Umrisse der culturgeschichtlichen Entwicklung des Hospitalwesens und der Krankenpflege (Gotha 1870) S. 15-17, das sich bei NUTTING-DOCK-KARLL ebda. S. 252-254 findet. - bei den "kühlen Quellen und Springbrunnen" kann es sich kaum um andere als islamische Krankenhäuser handeln, wie v.a. das Mansurische Hospital zu Kairo, berühmt durch al-Maqrizis 1846 von Ferdinand WÜSTENPELD den Medizinhistorikern bekannt gemachte Beschreibung (Janus l, 1846, S. 28-39) - vgl. HAESER S. 33-34, JACOBSOHN, Krankenkomfort, S. 143 und JETTER, Grundzüge, S. 22-23; über die "luftigen Hallen vgl. Näheres unten S. 68-71.

      [25] Vgl. oben Anmerkung 6.

      [26] Vgl. oben Anmerkung 24.

    2. Die Verklösterlichung der Hospitäler im 13. Jahrhundert

      Die Orientierung an der Gegenwart führt überhaupt bei Nut-ting und Dock noch nicht dahin, daß das Mittelalter in seiner Entlegenheit von der Gegenwart verblaßte und nur noch die Kontrastfolie für die neueren Fortschritte abzugeben hätte.[27 ] Das Interesse an den beruflichen Gegenwartsfragen ist vielmehr so unhistorisch-vital, daß es sich auch noch in der fernsten Vergangenheit ohne weiteres geltend macht.[28 ] Das läßt wenig Aufnahmebereitschaft für das etwaige ganz Fremde der fernen Epoche zu, glücklicherweise aber ebenso- wenig für Harmonisierungen der inneren Verhältnisse von Krankenhäusern.[29 ] Für Konflikte, wie sie sie selbst mit Bürokraten, Medizinern und einer vorurteilsbelasteten Öffentlichkeit austrugen,besaßen die frühen Geschichtsschreiberinnen der Krankenpflege auch bei der Durchleuchtung der mittelalterlichen Hospitalgeschichte einen ganz besonders geschärften Blick, etwa wenn sie folgende Verhältnisse herausstellten:

      Die Pflegerinnen und Pfleger in den sehr alten Hospitälern (Hotels-Dieu) von Paris (seit ca. 660?) und von Lyon (seit 542)[30 ], wie auch sonst in vielen Stadtspitälern[31 ], seien anfänglich einfach sich frei zusammenfindende, diensteifrige Gemeinschaften gewesen. Daß sie durch Ablegung von "ewigen" Gelübden und Auferlegung von Regeln, die die Persönlichkeit des einzelnen unterdrückt hätten, zu Klosterinsassen gemacht worden seien, sei ein Schicksal gewesen, daß sie später von außen, "oben", getroffen habe. Besonders schicksalsschwer in dieser Richtung sei das Provinzialkonzil zu Paris von 1212 gewesen, auf dem die Bischöfe versuchten, alle Hospitäler in ihren Diözesen einer Regel, und ihrer Oberaufsicht, zu unterwerfen. Letzten Endes hätten die Bischöfe das Niveau der Krankenpflege selbst untergraben, als sie die Hospitalgemeinschaften in enge Lebensformen gezwängt hätten, denn von der nunmehr an den Universitäten voranschreitenden Medizin sei der Betrieb in den Hospitälern damit gänzlich abgeschnitten worden.[32 ] Die Unterdrückung des Pflegepersonals in den Hospitälern sei wirklich so krass gewesen, daß es 1497 im Pariser Hôtel-Dieu einen regelrechten Aufstand gegen die es ausbeutende Hospitalverwaltung unternommen habe.[33 ]

      Allein die Beginen hätten sich solch aufgenötigter Regulierung entziehen können. Sie stehen damit für Nutting und Dock als ein Vorbild in ferner Zeit, wie sie da in "Freiheit und Unabhängigkeit", sich selbst erhaltend, eine "makellose Würde und ruhige, einfache Nützlichkeit ihres Lebens" gewonnen hätten.[34 ]

      Diesen Punkt, der mir der interessanteste zu sein scheint, den die "Geschichte(n) der Krankenpflege" zum Thema "mittelalterliches Hospitalwesen" aufweisen, die Zwangsregulierung der Hospitalkonvente, haben freilich schon JAMIESON, SEWALL und SUHRIE (1940-1966) wieder übersehen. Mit ihrer Darstellung setzt sich die harmonisierende Auffassung vollständig durch. Sie sprechen nämlioh überhaupt nur von "großen Namen", die zu kennen "will add dignity and meaning to the nurse's work", wie sie es[35 ] ausdrücken: Kreuzritter, Franz von Assisi, Klara,[36 ] Elisabeth von Ungarn usw. Daß es neben einer kleinen Zahl von Heiligen auch einen mit gewöhnlichen Konflikten angefüllten Alltag gegeben hat, wird einfach unterschlagen; die Beginen nennt man immerhin noch, doch nicht mehr als ihren Namen.[37 ]

      SEYMER (1932-1954) folgt zwar in vielem der Auffassung NUTTINGs und Docks von den Lebensbedingungen des mittelalterlichen Krankenpflegepersonals, hält sich jedoch entsprechend dem mehr wissenschaftlichen Charakter ihrer Abhandlung, mit Urteilen mehr zurück, und indem sie die mittelalterlichen Orden mehr in ihrer Großartigkeit darstellt, erscheint die Verklösterlichung nicht mehr als ein Unglück für die mittelalterlichen Hospitalkonvente. Die Orden aber bilden die Vorgeschichte der Barmherzigen Schwestern und - Brüder der Frühen Neuzeit, die den Fortschritt in die Moderne durch die Dunkle Periode hindurch gesichert hatten, und deswegen fallen die inneren Probleme der vorklösterlichen Konvente infolge Seymers strenger linearer Geschichtsdarstellung zum Opfer: für die Weiterentwicklung der Berufsgeschichte waren sie nicht so direkt wichtig.[38 ]

      BAUER (1965) bringt freilich eine Anzahl neuer Details (aus anderer Literatur) über die Beginen und die "Unterwerfung" von Krankenpflegekonventen unter Klosterregeln in die Krankenpflegegeschichte herein, führt die Diskussion der Frage aber nicht wirklich weiter.[39 ]

      Erst Seidler (1966-1970) löst die Geschichte der Krankenpflege wieder von ihrer Unterordnung unter die der Klosterorden.[40 ] Aber auch nicht mehr auf die Selbständigkeit der ersten Pflegergemeinschaften fällt das Hauptaugenmerk jetzt. Es soll den Wurzeln der Spannungen zwischen Pflegepersonal und Ärzten nachgegraben werden. Der Punkt freilich hatte auch für Nutting und Dock eine wichtige Rolle gespielt; sie hatten die Entfremdung der Hospitalpfleger von der Medizin aus der klösterlichen Isolation ersterer erklärt und als objektiven Beweis für das Unzuträgliche solcher Einschließung herausgestellt.[41 ] Seidler ergänzt das von selten der Geschichte der Ärzte: Sie waren im Frühen Mittelalter noch zumeist Mönche gewesen und hatten mit den damaligen Krankenherbergen innerhalb derselben Mauern gelebt; seit dem Hohen Mittelalter hingegen betätigten sich Kleriker nicht mehr in der Medizin, und die Mediziner waren Gelehrte an Universitäten; sie mögen mit,den Hospitäler jener Zeit in denselben Städten ansässig gewesen sein, machten dort aber kaum einen Besuch.

      Seidlers Hauptinteresse ist aber immer, die Spannungen zwischen den beiden Berufsgruppen als auflösbar zu erweisen. So legt er großen Wert darauf, daß in der Praxis die Kluft zwischen Medizin und Hospitalpflege doch nicht sehr tief gewesen sei. Beide hätten immer noch auf einem gemeinsamen Fundament gestanden. Das sei die Diätetik gewesen, jenes altüberlieferte System von Regeln für die Förderung gesundmachender und die Zurückdrängung krankmachender Lebensfaktoren,[42 ] an das auch heute wieder von Medizintheoretikern angeknüpft wird, die nach Alternativen zur Heiltechnik" suchen.[43 ] Die Frage nach den wirklichen therapeutischen Leistungen der mittelalterlichen Hospitalkonvente liegt aber noch sehr im Dunkeln, zunächst mangels reicherer Quellen, dann aber auch, weil Seidlers Vorstoß in dieses Niemandsland zwischen den Interessengebieten der Krankenpflege-Historiker (die sich meist mit Personen und Organisationen, kaum mit deren Arbeit beschäftigt haben) und der Medizinhistoriker (die sich kaum den medizinischen Leistungen von Nichtmedizinern haben zuwenden wollen) so einzig dasteht. Im folgenden Kapitel, über die medizinhistorische Beschäftigung mit der Hospitalgeschichte, wird auch noch deutlich werden, daß die Medizinhistoriker ihr Interesse an den alten Hospitälern aus bestimmten Gründen ganz auf die Baugeschichte gelenkt haben.

      [27] Vgl. unten S. 34 über die entsprechenden Gegebenheiten in der medizinhistorischen Forschungstradition.

      [28] Was SCHAPER (wie Anm. 6) die "Heroengeschichtsschreibung" von NUTTING und DOCK genannt hat, beruht eigentlich auf nichts anderem als dem konsequent durchgeführten Grundsatz, zu Fragen der Berufsarbeit in der Vergangenheit, ungeachtet des historischen Abstands, direkt wie zu aktuellen Tagesfragen Stellung;zu nehmen (vgl. z.B. betreffend die Arbeit der Krankenpfleger im Mittelalter Bd. l, S. 318-327: Tagdienst-Einteilung, Essenausteilung, kleine Wäsche, große Wäsche (600 Leintücher, 6-wöchentlich) im Fluß - alles am Beispiel des Hotel-Dieu zu Paris) - so entsteht neben dem "roten Faden" der auf die Gegenwart hinzielenden Entwicklung noch eine zweite, radiale Verknüpfung jedes Ereignisses direkt mit der Gegenwart im Zentrum, und letztere tritt umso deutlicher hervor, je ärger die lineare in Sprüngen bald vor-, bald rückwärts verlassen wird.

      [29] Würde man zum Vergleich die geisteswissenschaftliche Darstellungstradition studieren, wäre gerade eine solche Tendenz zur Harmonisierung der inneren Verhältnisse in den mittelalterlichen Hospitälern zu entdecken.

      [30] Diese beiden alten Hospitäler behandeln NUTTING und DOCK stets exemplarisch für alle mittelalterlichen, da von ihnen "die vollständigsten Berichte über die Pflegeeinrichtungen" vorlägen (Bd. l, S. 299).

      [31] Einem alten Irrtum folgend, dachten sich NUTTING und DOCK alle Hospitäler, die nach dem Heiligen Geist hießen, als Häuser des Heilig-Geist-Ordens; dieser Irrtum auch schon bei VIRCHOW, Hospitaliter-Orden, 1878, S. 363f.; korrigiert bereits von MONE, in: ZGORh 12, 861, S. 7, und von UHLHORN, Liebesthätigkeit 2, 1884, S. 192 u.a.; vgl. dazu REICKE l, S. 168, Anm. 3; trotzdem findet sich die irrige Auffassung wieder bei SEYMER, S. 51 - hier zeigt sich an einem klaren Beispiel, wie die Erforschung der Hospitalgeschichte in den verschiedenen Disziplinen zeitversetzt voranschreitet, weil auf die Ergebnisse der jeweils anderen Fachbereiche kaum aufgebaut wird.

      [32] Nach NUTTING-DOCK-KARLL l, S. 314-316 u.ö. - den Kommentar zu der Vorschrift des Konzils von 1212 über die Begrenzung der Zahl der Brüder und Schwestern in den Hospitälern, "cum autem pauci sani possint multis infirmis competentius ministrare", möchte ich zur Illustration der unübertrefflichen Gegenwartsbezogenheit in der Geschichtsauffassung von NUTTING und DOCK zitieren:''Das bedeutete natürlich, daß die höchstmögliche Last von schwerer Arbeit auf die Schultern der Pflegerinnen gelegt wurde. Von so alter und vornehmer Herkunft ist die Kunst, in öffentlichen Anstalten dadurch zu sparen, daß man die Zahl der Hülfskräfte einschränkt und die Hauptarbeit den Frauen aufpackt - ein naiver und einfacher Ausweg, der noch nicht ganz aus unseren modernen Anstalten verschwunden ist." (NUTTING-DOCK-KARLL l, S. 316).

      [33] NUTTING-DOCK-KARLL l, S. 370.

      [34] NUTTING-DOCK-KARLL l, S. 272-290, das Zitat ebda. S. 288, die4 ausdrückliche Überlegung, "daß sich irgend etwas im eigentlichsten Wesen der Krankenpflege naturgemäß der strengen klösterlichen Form entzieht..." und inwieweit wohl "dieser ausgeprägte Charakterzug des Pflegeberufs - nämlich die Weigerung, sich von anderen Anforderungen als denen der Pflege binden zu lassen" letzten Endes "an der wirtschaftlichen Selbständigkeitsbewegung der Frau beteiligt gewesen ist," ebda. S. 274.

      [35] (JAMIESON-)SEWALL-SUHRIE6 S. vi.

      [36] S. 103f., erheiternder weise "Clarissa" geschrieben.

      [37] Freilich ganz verkehrt: als im 6. Jh. gegründeter Orden (S.105-107)

      [38] Auch SEYMER bevorzugt die Darstellung des Mittelalters am Beispiel des Pariser Hotel-Dieu (S. 53-57, bsd. S. 53f., Anm. 37).

      [39] BAUER S. 93.

      [40] In dieser Art ist Krankenpflege-Geschichte auch bei einem Medizinhistoriker wie Eduard DIETRICH aufgefaßt, worüber unten S. 31.

      [41] "Kein Wunder, daß sie mit der Zeit geistig verkümmerten und zum Portschritt unfähig wurden, daß die Wissenschaft sie weit dahinten ließ ..." (NUTTING-DOCK-KARLL l, S. 315); nur abgeschwächt noch bei SEYMER-ALTER-SCHILLER S. 54.

      [42] SEIDLER, Geschichte der Pflege, S. 80. 84-86.

      [43] Vgl. zum Beispiel die programmatische Schrift von Heinrich SCHIPPERGES "Der Arzt von morgen. Von der Heiltechnik zur Heilkunde" (Berlin 1981), auf die mich mein Kommilitone stud.med. Josef ZIERL hingewiesen hat.

  3. Zusammenfassung und Weiterführung

    Die Geschichte der Krankenpflege kann demnach noch nicht als besonders ausgebautes Forschungsfeld betrachtet werden; Einem ständigen Bedarf an Unterrichtsmaterialien und lehrbuchhaften Gesamtdarstellungen steht der völlige Mangel an Primäruntersuchungen gegenüber. Die Besonderheit der verschiedenen Darstellungen kann darum nur auf der Ebene der Fragestellungen, der Auswahl und Verbindung aus anderweitiger Literatur bereits bekannter Einzeltatsachen liegen - und gerade damit werden diese "textbooks" für die Erforschung des mittelalterlichen Hospitalwesens wertvoll: Wenn und insofern sie nämlich Fragen formulieren, die direkt in den inneren Betrieb und die inneren sozialen Verhältnisse der Hospitäler zielen. Darin kann höchstens eine "Histoire des pauvres" ihnen gleichkommen, von der anderen Bewohnergruppe her in die Hospitäler hineinleuchtend, aber auch diese Forschungsrichtung ist noch nicht allzu weit ausgebaut. Wie wenig solcherart direkt eindringende Fragen von anderen mit mittelalterlichem Hospitalwesen beschäftigten Forschungsrichtungen gestellt worden sind, zeigen die weiteren Kapitel

    Auf der Suche nach Ansatzpunkten für da;e weitere Erforschung des mittelalterlichen Hospitalwesens, die möglichst wenig, wie die bisherige Forschung es allzusehr getan hat, aufspalten und zerstückeln sollte, empfiehlt sich die Perspektive der Krankenpflege-Geschichte als besonders vielversprechend, nämlich die Konzentration des Interesses auf die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Hospitalbewohner selbst.

    Von den beiden Aspekten dieses Themas, die ich aus der krankenpflegegeschichtlichen Literatur als besonders charakteristische herausgestellt habe, zwangsweise Regulierung der Konvente und Prägung der Pflegearbeit durch die sogenannte Diätetik, ist an', den letzteren nicht so leicht anzuknüpfen. Wenig Quellen scheinen dazu vorzuliegen, schon gar, wenn es direkte Zeugnisse aus oder über Hospitäler sein sollten. Entsprechend weit sind die wenigen Primäruntersuchungen-verstreut. So wichtig es wäre, über die Fragen der krankenpflegerisch-medizinischen Leistungen in mittelalterlichen Hospitälern Bestimmteres zu erforschen, so wenig aussichtsreich müßte ein derartiges Unternehmen fürs erste wirken.

    Anders bei dem ersteren Punkt, der Verklösterlichung ursprünglich unabhängig gewesener Hospitalkonvente durch die kirchliche Obrigkeit im 12./13. Jahrhundert. Die Vorkämpferinnen der "Freien Schwestern" haben den Vorgang am stärksten herausgestellt, konnten dabei aber auf älteres zurückgreifen.[45 ] Und dieses Phänomen ist auch neuerdings außerhalb der Krankenpflege-Geschichtsschreibung in die Diskussion geraten: Die Sozialhistorikerin Griet MARECHAL hat nämlich 1978 aufgrund eingehender Studien des mittelalterlichen Hospitalwesens von Brügge[46 ] die lange akzeptierte Theorie des Rechtshistorikers Siegfried REICKE in Frage gestellt und umzukehren versucht: daß die Spitalgeschichte des Hohen und Späten Mittelalters die Geschichte einer Kommunalisierung kirchlicher Institute gewesen sei.[47 ] Nach MARECHAL handelte es sich stattdessen um eine Offensive der Kirche gegen Einrichtungen, die ursprünglich aus Stadtkommunen heraus frei gegründet worden waren. Auch wenn die Verallgemeinerung des Brügger Befunds durch MARECHAL vielleicht wenig begründet ist[48 ] - der Ursprung der städtischen Hospitalkonvente um die Wende des 12. zum 13. Jahrhundert, ob und inwiefern sie "frei" waren, aus welchen Gesellschaftsgruppen und mit welchen Motiven sie sich zusammenschlössen, ist als Forschungsaufgabe nun neu gestellt. Und ein Schritt zu ihrer Lösung ist auch bereits getan, indem eine zentrale Quelle zu den "freien" Hospitalkonventen kurz nach 1200 eingehend untersucht worden ist: das Kapitel 29 "De hospi-talibus pauperum et domibus leprosorum" in der "Historia occidentalis" (1222/1225) von Jacques de Vitry.[49 ] Mme. A.-M. BONENFANT-FEYTMANS hat 1981 eine Studie darüber veröffentlicht,[50 ] die auch bewies, wie notwendig fundamentale Quellenuntersuchungen an einzelnen Stellen noch sind, um die Entstehungsphase der kommunalen Spitäler zu begreifen.

    Es deutet sich jetzt an, daß es die Regeln der Hospitäler aus dieser Zeit sind, die in allen Argumentationen und Forschungen eine zentrale Rolle spielen: NUTTING und DOCK nannten ja das Jahr 1212 wegen des Pariser Provinzialkonzils, das viele nordfranzösische Hospitäler von oben her reguliert hat, "schicksalsschwer" für die Pflegenden, weil "unsachgemäße" Auflagen in diesen Regeln dem Niveau der Berufsarbeit auf die Dauer geschadet hätten.[51 ] Für MARECHAL ist die Regel des Brügger Sint-Janshospitaal von 1188[52 ] das Hauptargument für frei-kommunalen, nichtkirchlichen Ursprung des Hospitalwesens.[53 ] Und BONENFANT-FEYTMANS klärt den Realitätsgehalt der Sätze Jacobus de Vitriacos gerade durch Zusammenhalten mit der Entwicklung der Hospitalregeln an den einzelnen, von Jacobus de Vitriaco mit Namen genannten Orten. Von daher scheint mir schon jetzt eine nähere Erforschung der Hospitalregeln besonders viel zum Problemkomplex "freie" Hospitäler und "Verklösterlichung" beitragen zu können.[54 ]

    [45] HAESER S. 37.

    [46] MARECHAL, Griet, De sociaale en politieke gebondenheid van het Brugse hospitaalwezen in de middeleeuwen (Anciens pays et assemblees d'etat. Standen en Landen, 73; Kortrijk-Heule 1978) bsd. S. 1-33. 155-176. 277-306.

    [47] REICKE, Siegfried, Das deutsche Spital und sein Recht im Mittelalter l (Kirchenrechtliche Abhandlungen, 111-112; Stuttgart 1932. ND Amsterdam 1960) § 13, S. 196-277; auch S. 51 -

    [48] So zum Beispiel Uta LINDGREN in ihrer Rezension der Arbeit von MARECHAL, in: HZ 231 (1980) S. 704f.

    [49] Ed. HINNEBUSCH, John Frederick, O.P., The Historia Occidentalis of Jacques de Vitry. A Critical Edition (Spicilegium Friburgense, 17; Fribourg 1972) S. 146-151.

    [50] BONENFANT-FEYTMANS, A.-M., Les organisations hospitalières vues par Jacques de Vitry (1225), in: Annales de la Societe Beige d'Histoire des Hopitaux - Annalen van de Belgische Vereniging voor Hospitaalgeschiedenis 18 (1980. erschienen 1981) S. 19-45.

    [51] Wie oben Anm. 31

    [52] Text und Diskussion hier nicht publiziert, in der Originalfassung als Teil 2.

    [53] MARECHAL S. 95-104 und zusammenfassend S. 304: "De teorie van de "Kommunalisierung" hebben we als vals van de hand moeten wijzen. De burgerij stichtte se armen- en ziekensorg in de steden", und S. 29: "Wanneer we vaststellen dat de broederschappen aan de basis lagen van de oudste hospitaalen en dat het Brugse Sint-Janshospitaal in het reglement van 1188 als 'collegium' en 'fraternitas' vermeld staat, dan denken wij an banden met die koopluiorganisaties."

    [54] Vorläufig noch nicht zugänglich waren folgende, im neuesten "Verzeichnis lieferbarer Bücher" angezeigte Werke: WYSS, H.R.; MURKEN, A.H., Geschichte der Krankenpflege. Ein Hilfsmittel für den berufskundlichen Unterricht, o.O. 1982; STROBL, M.; RETTIG, A. (Mitarbb.), Geschichte der Krankenpflege. Hg.v. Österreichischen Krankenpflegeverband, Wien: Facultas, 19833.

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